Adrianna hatte unentwegt Wache gehalten am Totenlager ihres Gefährten Icestone. Tag und Nacht kniete die Hohe vor der Holzbahre, auf der der wolfsblütige Erstgeborene lag. Wenn Moonsilver, die in all den Jahren zu einer guten Freundin für Adrianna geworden war, und ihr eigener Sohn Dreamweaver ihr nicht immer Essen und Trinken gebrachten hätten, so hätte die Hohe selbst auf dies verzichtet.
Es war nicht lange her dass sie sich den Elfen um Two-Spear angeschlossen hatten, um sich dann wieder zu trennen und seiner Gefährtin, Moonsilver zu gehen. Ihr Sohn war damals noch ein kleines Kind, nun reifte er langsam zum Jugendlichen heran. Doch war es lange her, als sie und Icestone von den anderen Hohen getrennt wurden, lange Zeit lebten die beiden Elfen alleine, nur für sich.
Bis sie sich eines Tages erkannten und ihr Sohn Dreamweaver zur Welt kam. Und das Glück sollte es weiter mit ihnen gut meinen, sie trafen kurz darauf auf andere Elfen und schlossen sich ihnen an.
Alles schien so perfekt zu sein, dass Adrianna vergaß, das Icestone nicht reinblütig war, dass sein Leben nur für eine befristete Zeit bestimmt war. Sie hatte es von Anfang an gewusst und doch verdrängt. Nun war er tot und ein tiefes Loch in ihrem Inneren, eine unerträgliche Leere.
Sie fragte sich, wieso?
Wieso musste er sterben?
Und wieso hatte sie ein so langes Leben?
Der Blick ihrer grünen Augen schweifte über die sich versammelnden Elfen, die Shadowwolves. Ihr wurde klar; sie alle würden irgendwann sterben, und sie würde immer noch da sein.
Auf einmal sah sie nicht mehr die Freunde und Mitstreiter, sondern nur noch wandelnde Skelette, die in sich zusammen brachen.
Voller Angst schlug die Hohe ihre Hände vors Gesicht. Sie wollte nichts sehen! Trännen rannen über ihre Wangen.
Sacht legte sich eine Hand auf ihre Schulter. Adrianna hob den Kopf und schaute in das Antlitz von Moonsilver, die Adrianna freundlich und mitfühlend anlächelte. Die Wolfsreiterin stand und war gleich groß wie die Hohe, die kniete.
Die beiden Elfinnen sagten kein Wort sie schauten sich nur an. Als Adrianna auf die Fackelträger, hinter ihrer Freundin, aufmerksam wurde. Sie würden den Leichnam von Icestone nun verbrennen, das wurde ihr klar. Adrianna beachtete Moonsilver nicht mehr, doch blieb diese hinter der Hohen stehen, die Hand deren Schulter liegend.
Andere Elfen kamen hinzu. Sie trugen Felle und Traumbeerenwein und legten sie mit auf die Bahre. Als Letztes trat Dreamweaver zur Bahre. Er trug die Waffen seines Vaters bei sich. Behutsam, fast andächtig legte er sie in die Hände des Leichnams, ehe er sich voller Trauer wieder abwandte, um zu den anderen zu gehen.
Die Fackelträger zündeten die Bahre an. Das Holz fing schnell Feuer und rauchend zogen die Flammen gen Himmel.
Es wurde fast wie Tag auf der Anhöhe und alle Elfen der Shadowwolves begannen, voller Inbrunst und Trauer zu heulen. Zu heulen für einen Freund, für ein Stammesmitglied. So ertönte das Heulen aller durch den nächtlichen Wald, hinauf zu den zwei Monden. Nur eine heulte nicht.
Adrianna konnte mit diesem Brauch nichts anfangen. Sie blieb knien, in ihren Augen spiegelten sich die Flammen des Feuers wider. Nur kurz streifte ihr Blick über ihren Sohn, der mit den anderen seine Trauer kundtat. Dies war nicht ihre Art zu trauern. Sie erhob sich und ihr blondes Haar umfloss ihren Körper fast hinunter bis zum Boden.
Moonsilver stockte in ihrem Heulen und schaute die Freundin fragend an **Adrianna, wo gehst du hin?** sendete sie. Adrianna drehte sich nicht um **Ich möchte allein sein …** sendete sie und ging. Moonsilver schaute ihr traurig nach. Es war ihr Wunsch, allein zu sein und sie würde ihn respektieren. Auch andere der Elfen schauten hinter der Hohen her, manche fühlten den Schmerz der Elfe mit, andere verstanden nicht, wieso diese nicht mit ihnen trauerte und schüttelten den Kopf über ihr Verhalten.
Adrianna drehte sich nicht um. Es war ihr egal, was die Anderen dachten, er war ihr Gefährte gewesen und sie hatte das Recht, auf ihre Weise zu trauern!
Ihre Schritte führten sie weiter in den Wald hinein. Ihr Kleid raschelte bei jedem ihrer schnellen Schritte. Sie wurde erst langsamer als, sie in die Nähe eines Sees kam. Sie liess sich am Wasser nieder, unter einer Weide, deren Äste so tief hingen, dass sie bis ins Wasser reichten.
Von hier aus konnte sie noch den Schein des Totenfeuers sehen und auch das Heulen der trauernden Elfen hören. Ihre Tränen versiegten. Sie hatte die letzten Tage so viel geweint, dass sie nun keine Tränen mehr übrig hatte.
Eine vollkommene Ruhe stieg in ihr auf, erschreckend und wohltuend zugleich. Ihr Blick strich über das ruhige Wasser, während sie sich vorbeugte und mit ihren Fingerspitzen die Wasseroberfläche berührte. Um die schmalen Finger der Hohen begannen sich kleine Ringe zu ziehen. ‚Was doch so eine kleine, kaum spürbare Berührung hervorrufen kann?’ dachte Adrianna. Sie war eine Hohe, eine Heilerin. Sie hatte das Leben so manches Elfen schon gerettet. Doch was konnte sie gegen den schleichenden Verfall namens Zeit tun? Bei Krankheiten und Verletzungen wusste sie, was sie zu tun hatte, aber wie sie gegen die Zeit kämpfen sollte, das wusste sie nicht. Es wäre etwas anderes gewesen, wenn Icestone im Kampf oder auf einer Jagd verletzt worden wäre, jedoch war er friedlich eingeschlafen. Leise seufzte sie. „Wieso?“, sprach sie leise und ihr wurde klar, ihr Sohn Dreamweaver würde auch sterben. Auch er hatte das Wolfsreiterblut wie sein Vater in sich und sie wird weiter leben und eines Tages ganz alleine sein. Alles in ihr zog sich zusammen. Ruckartig legte sie die Hände auf ihren Bauch, als ob sie so ihr schon längst geborenes Kind vor diesem Schicksal bewahren könnte. Wie konnte sie nur weiter leben, wenn ihre Lieben alle tot wären? Sie würde heute nicht ins Lager zurückkehren und auch in der nächsten Zeit würde niemand sie zu Gesicht bekommen. Sie blieb fürs erste verschwunden.
Moonsilver nahm sich in dieser Zeit Dreamweavers an. Sie machte sich Sorgen um seine Mutter und hoffte, dass die Hohe bald wieder zum Stamm zurückkehren würde.
So saß die ältere Elfe vor dem Baum ihrer Wohnhöhle und schaute dem Treiben im Lager zu. Ihr Sohn Sharptongue und Dreamweaver, prügelten sich wieder einmal. *Hey, lasst euch ganz!* sendete sie lachend an die beiden Streithähne. Sie wusste, dass die Rangeleien nicht ernst waren, die Halbwüchsigen waren einfach jung und wollten sich erproben. Die beiden Elfen waren dicke Freunde.
Grinsend schüttelt sie den Kopf, ehe sie sich wieder der Hose widmete die sie gerade flickte. Doch bald hörte sie einen freudigen Ausruf „Mutter!“ und schon stürmte Dreamweaver auf Adrianna zu, die gerade das Lager betrat. Ungestüm und freudig umarmte der junge Elf seine Mutter.
Adrianna hatte die Augen geschlossen, als ihr Sohn sie umarmte. Sacht strich sie durch das weißgraue Haar. Moonsilver sah sie an. **Freundin, schön dich wieder zu sehen.** sendete sie warm. **Ich freue mich auch, wieder bei euch zu sein.**, war die sanfte Antwort. Moonsilver nickte ihrer Freundin zu, sie merkte, dass da noch vieles war, was für Adrianna ungeklärt blieb. Doch dabei konnte sie ihrer Freundin nicht helfen uns so blieb ihr nur zu hoffen, dass die Hohe ihren Weg finden würde. Sie liess Mutter und Sohn alleine und widmete sich wieder ihrer Tätigkeit.
*Mutter, wo warst du?* fragte Dreamweaver neugierig. Leise lachend über die Neugier ihres Sohnes, strich Adrianna sanft über seine Wange. *Das erzähle ich dir nachher. Da wartet jemand auf dich.* sendete sie und deutete in Richtung von Sharptongue, der sich gerade am Kopf kratze und nicht wusste was er tun sollte.
*Oh.. Ja, du hast recht. Später aber wirklich?* sendete er eindringlich an seine Mutter, bevor er zu Sharptongue stürmte. **Ja, mein Sohn, wirklich.** antwortete Adrianna noch, bevor ihr Sohn verschwand. Ein sanftes Lächeln lag auf ihren Lippen.
Adrianna fühlte die Freude im Stamm. Doch konnte sie ihrem Stamm nicht gegenübertreten. Sie war nur zurückgekommen, um ihren Sohn zu sehen. Sie wollte sicher sein, das es ihm gut ging. Im Inneren war sie noch nicht bereit ihre Freunde zu treffen, zu tief saß der Verlust ihres Gefährten. Wider sah sie Bilder vor ihren Augen, das Lager war verlassen. Niemand war mehr dort. Adrianna sah auf ihre Hände, es waren die Gleichen wie immer. Doch als sie ihren Blick wieder hob, war es ihr als ob selbst die Bäume vor ihren Augen starben, alles war Tod. Bestürzt schlug sie die Hände vor ihr Gesicht und verschwand wieder zwischen den Bäumen. Tränen stiegen ihr in die Augen, dies war ein Ort des Todes. Wie konnte sie nur zurückkommen, um zu sehen wie ihre Freunde, wie jeder der ein Teil ihrer selbst geworden war, starb. Wie konnte sie den Schmerz des Verlustes, noch einmal ertragen?
Als Dreamweaver in die Wohnhöhle kam, war seine Mutter wieder verschwunden. **Mutter?** sendete er fragend hinaus, bekam jedoch keine Antwort. Er wusste sie war schon wieder gegangen, doch verstand er es. Er vermisste seinen Vater und auch seine Mutter, doch er spürte, dass sie nicht weit weg sein konnte und dass sie bald wieder kommen würde. So entkleidete er sich schnell und schlüpfte unter die Felle, er war recht müde von dem Herumtollen mit Sharptongue. Dreamweaver kuschelte sich in die Felle, mit der Absicht auf seine Mutter zu warten, doch schon nach wenigem Gähnen war der junge Elf auch schon eingeschlafen. Adrianna saß wieder an dem See.
Adrianna strich mit ihren Fingerspitzen über die Wasseroberfläche, ehe sie einen Stein nahm und in das Wasser warf. Der Stein erzeugte größere Ringe als ihre Finger und verschwand im dunklen See. Nach einiger Zeit sah die Oberfläche wieder wie vorher aus, glatt und schimmernd. Doch Adrianna wusste, das der See nie mehr so sein würde wie vorher. Kurz blitzte es in ihren grünen Augen auf. Sie wusste, was sie zu tun hatte. Was sie tun wollte.
Sie erhob sich schnell und eilte zurück ins Lager. Es dämmerte und sie begegnete niemandem. Sie kletterte in ihre Wohnhöhle. Dort sah sie ihren schlafenden Sohn. Kurz nickte die blonde Elfe zu sich selbst, es war gut, das würde ihr Vorhaben leichter machen. Sie war sicher in ihrem Entschluss, doch in ihrem Inneren hatte Adrianna Angst. Sie atmete schneller, als sie sich neben ihren Sohn setzte und ihn sanft in ihre Arme zog.
„Mein Liebling, ich tu das für dich… für uns…“ flüsterte sie leise Dreamweaver zu, der ruhig, in ihrem Schoß, schlief. Sacht strich sie durch sein Haar. Ihre Hände wurden von einem warmen, hellen Licht erfüllt, das Dreamweaver, selbst im schlaf spüren konnte. Er wollte aufwachen, doch Adrianna unterdrückte es.
„Schlaf, schlaf weiter mein Sohn, hab keine Angst.“
Immer stärker liess sie ihre Magie fließen und ihre Hände wanderten den Körper ihres Sohnes hinunter.
Sie konnte es vor sich sehen: den Blutkreislauf, der durch diesen jungen Körper floss, sein Herz, das wie ein Wolf schlug, seine Nase, die wie ein Wolf roch, seine Ohren, die wie ein Wolf lauschten.
Konzentriert schloss sie die Augen, sie wollte das reine Blut vom wölfischen befreien. Es war ein gefährliches Unterfangen, für sie beide und sie tat es aus reinem Eigennutz. Doch gab es für sie keinen anderen Weg.
Sie liess immer mehr ihrer Magie in den jungen Körper fliesen, filterte das Wolfsblut und vernichtete es. Es sollte nur noch reines Blut in Dreamweaver fließen.
Der Schweiß brach ihr aus, es war anstrengend. Sie hatte es vorher noch nie getan und es wurde ihr klar, dass sie es danach auch nie mehr tun würde. Der Körper ihres Sohnes zuckte unter ihr, immer stärker wurde der Einfluss ihrer Magie und sie spürte seinen Widerstand, aber sie ließ nicht nach. Dann explodierte es in ihrem Kopf und ihr wurde schwarz vor Augen.
Adrianna wachte wieder auf, Dreamweaver lag immer noch auf den Fellen. Er sah aus, als ob er immer noch schlafen würde. Langsam beugte sich die Hohe über ihren Sohn und fühlte nach seinem Puls. Er war zwar schwach. Doch gleichmäßig. Erleichtert atmete Adrianna auf. „Ich habe dir die Ewigkeit geschenkt…“ flüsterte sie leise in das Ohr ihrs Sohnes. „Ich habe dich neu geboren.“ Dreamweaver öffnete verschlafen die Augen. Leise kam über seine Lippen „Mutter…“
Von Darkrose
|